Wie unsere persönlichen Fundamente zusammenpassen – Transidentität (richtig) einordnen, Teil 2

Was bisher geschah

In meinem Beitrag der vergangenen Woche habe ich über unser persönliches Fundament geschrieben, das sich aus unterschiedlichsten Puzzleteilen zusammensetzt. Die Vielfalt an Eigenschaften, Erwartungen, Bedürfnissen, Interessen, etc. prägt unsere Persönlichkeit und unser Wohlbefinden. Transidentität ist somit ein Teil neben vielen weiteren. Alle Puzzleteile unterliegen ständigen Veränderungen, mit denen wir uns regelmäßig auseinandersetzen dürfen und im positiven Sinne auch sollten.

Die individuellen Fundamente unserer Mitmenschen

Nun sind wir Menschen soziale Wesen. Wir kommen in der Regel gerne mit zahlreichen anderen Zeitgenoss*Innen zusammen. Das zeigt sich besonders in diesen Zeiten, in denen Begegnungsmöglichkeiten stark eingeschränkt sind. Einzelgänger*Innen jedenfalls sind eher selten. Und das ist gut und richtig so.

Spannend ist, dass jeder Mensch über ein eigenes, ganz individuelles Fundament mit jeweils zahlreichen Komponenten verfügt, ganz gleich, ob mit oder ohne „eingebauter“ Transidentität. Kein Fundament gleicht dem anderen. Jedes ist einzigartig.

Es liegt in der Natur der Sache, dass wir unser eigenes Fundament mit dem von anderen Personen in Beziehung setzen. Das gelingt manchmal mehr, manchmal weniger gut. Das klappt gar nicht, wenn die individuellen Puzzleteile nicht zusammenpassen wollen. Dann entstehen Gleichgültigkeit, eher negative als positive Emotionen, Antipathien, bis hin zu Aggressionen und Konflikte. In solchen Fällen geht man sich besser aus dem Weg, falls möglich. Dann wiederum gibt es Fundamente mit Bestandteilen, bei denen es einen „kleinsten gemeinsamen Nenner“ gibt, mit dem wir schon mehr anfangen können. Und schließlich gibt es Fundamente, die in vielerlei Hinsicht zusammenpassen. Daraus entstehen dann positive Emotionen, Nähe, Liebe, Beziehungen, Gemeinsamkeiten, starke Aktivitäten und Vieles mehr.

Im gemeinsamen Miteinander, ganz gleich wie nahe oder fern wir zu uns stehen, sollten wir uns der stetigen Veränderungen unserer Fundamente bewusst sein. Mit Blick auf uns selbst und mit Blick auf unsere Mitmenschen bedürfen sie immer wieder einer neuen Ordnung und Ausrichtung. Vielleicht entdeckt man dann plötzlich Gemeinsamkeiten, wo bisher keine waren. Oder es läuft umgekehrt und bisher Passendes passt plötzlich überhaupt nicht mehr. Um es mit Theodor Fontane auf den Punkt zu bringen: „Wir kennen uns nie ganz, über Nacht sind wir andre geworden, schlechter oder besser.“

Integration von Transidentität als gemeinsame Herausforderung und Chance

Transidentität ist vielen Menschen noch fremd. Wenn die Unzufriedenheit mit dem angeborenen Geschlecht bei jemandem in der Familie oder dem sonstigen Umfeld offenbar wird, dann tun sich viele damit zunächst oft schwer oder sie schalten sogar ganz auf Ablehnung. Diese Konfrontation kann und darf erst einmal zu einer Art „Schock“ führen, den es zu überwinden gilt. Danach sollten die so „Überraschten“ damit beginnen, sich selbst über die Hintergründe von Transidentität zu informieren. Es sollte aber auch ein intensiver Dialog mit der transidenten Person stattfinden, die sich möglicherweise gerade geoutet hat und viel zur Aufklärung beitragen kann. Wenn das alleine nicht zu schaffen ist, dann gibt es zahlreiche Möglichkeiten, externe Hilfe in Anspruch zu nehmen, z.B. durch Freunde, Verwandte oder andere Betroffene oder durch Therapeuten, Selbsthilfegruppen, Coaches, Mediatoren, etc.

Wichtig ist immer, dass das gegenseitige Verständnis und Vertrauen erhalten bleibt! Wichtig ist außerdem, dass man aus der neuen Situation gemeinsam etwas Gutes entwickelt!

Ein Beispiel: Ein „vermeintlicher“ Mann (der als solcher bisher gelebt hat, sich innerlich jedoch weiblich fühlt) outet sich gegenüber seiner Frau. Vielleicht tut er/sie das erst nach vielen Jahren Ehe. Dann offenbart er/sie eine Facette seines/ihres Fundaments, die bisher verborgen war, die plötzlich sehr dominant wird und zu zahlreichen Veränderungen bei jedem Einzelnen aber auch im Familienverbund führen kann. Im Idealfall nimmt die Partnerin diesen neuen Aspekt an und steht ihm aufgeschlossen gegenüber. Beide Partner tragen dann dazu bei, dass die vorhandene Transidentität gut in das Familienleben integriert werden kann, sie entwickeln neue Lebensentwürfe und entdecken vielfältige Chancen, die ihr Leben bereichern. 

In anderen Fällen ist die Partnerin erst einmal geschockt, verunsichert und verzweifelt. „Was war das bisher für eine Beziehung?“, wird sie sich fragen. Sie hat einen Mann geheiratet, den sie zu verlieren droht. Sie kann und will deshalb nicht plötzlich lesbisch werden. Diese Situation stellt beide, Transgender und Partner, vor eine große Herausforderung.

Wichtig ist, dass eine gute Lösung für alle gefunden wird, die langfristig trägt. Das kann zum Beispiel ein Arrangement sein, dass der transidente Mensch seine eigentliche Geschlechtsidentität nur von Zeit zu Zeit auslebt, die Partnerin damit aber in Ruhe lässt, weil sie damit nichts zu tun haben will. Dies können auch regelmäßige Gespräche über das Thema sein, verbunden mit einer langsamen Annäherung an Transidentität. Es gibt unzählige Ansätze. Manche Lösung funktioniert aber nur eine gewisse Zeit lang, und neue Lösungen sind dann wieder gefragt.

Manchmal ist die Trennung unvermeidlich, wenn die Integration der Transidentität in die Partnerschaft nicht gelingen will. Das ist oft dann der Fall, wenn sich Transgender entschließen, ihr äußeres Geschlecht dem inneren anzupassen, um zum Beispiel zukünftig ganz als Frau zu leben. Ich kenne einige Fälle, bei denen die Partner aber trotzdem zusammengeblieben und glücklich sind oder bei denen sich die Partner nach der Trennung weiterhin sehr freundschaftlich verbunden fühlen. Man sieht, auch in diesen Situationen ist nicht aller Tage Abend!

„Wer ständig glücklich sein möchte, muss sich oft verändern“ (Konfuzius)

In meiner Vorstellung treiben die Menschen auf ihren Fundamenten über einen großen See, gesteuert, manchmal ungesteuert. Sie fügen sich von Zeit zu Zeit mit Zeitgenoss*Innen zusammen, deren Fundamente ähnlich aufgebaut sind. Im Zeit- und Lebensverlauf kann durchaus wieder eine Loslösung, ein Auseinanderdriften stattfinden, wenn sich die Puzzleteile so verändert haben, dass sie sich nicht mehr richtig zusammenfügen lassen.

Das mag zunächst schwierig und kompliziert klingen. Es ist zuvorderst erst einmal spannend, solange der Wille da ist, Veränderungen anzunehmen, sie bei Bedarf selbst herbeizuführen und sie mit Blick auf ein glückliches Leben für sich selbst und für die Mitmenschen mitzugestalten. Denn genau dies ist die bunte Vielfalt des Lebens. Und in diesem Kontext sollte auch eine vorliegende Transidentität betrachtet werden, von den Transgendern selbst und von ihren Angehörigen und Freunden.

Dies ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Es sind meine Gedanken, um Vorgänge in und um uns verständlicher zu machen. Damit wir uns besser orientieren und zurechtfinden können. Und damit wir zusammen ein erfülltes und glückliches Leben führen können. Denn eines sollte als stetiges Ziel nie aus den Augen verloren werden: Das Streben nach Lebensglück, nach Happiness, nach Transgender-Happiness!

Herzlichst

Bianca     

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