Transidentität (richtig) einordnen

Transidentität

Wir meinen, das Leben sei schwer, aber wir machen es uns oft nur schwer

„Das Leben ist eines der schwersten“, sagt ein altes Sprichwort, das oft in Verbindung mit einem tiefen Seufzer ausgesprochen wird, der von den Haupthaarspitzen (soweit noch vorhanden) bis in den kleinen Zeh reicht. Der ganze Körper, ein einziger, alles umfassender Klageruf. Schaurig schön, befreiend, die eigenen Empfindungen bestätigend oder was auch immer.

Es gibt viele Menschen, die allen Grund zur Klage haben. Ihnen sei dieses Sprichwort einschließlich Seufzer gerne zugestanden. Viele andere jedoch, die dieses Sprichwort mehr oder weniger ohne Grund strapazieren, könnten überlegen, ob sie nicht selbst etwas gegen die gefühlte Schwere ihres Lebens tun könnten. Denn das Leben ist nicht immer schwer! Auch, wenn wir das so empfinden. Wir machen es uns manchmal nur schwer! Und wir machen es uns oft besonders schwer, wenn wir transident sind. Woran liegt das?

Das persönliche Fundament wahrnehmen, festigen und ausbalancieren

Ich stelle mir vor, dass jeder Mensch auf einem eigenen, ganz individuellen Fundament steht. Wir können es auch als Basis oder Plattform bezeichnen. Es ist mehr oder weniger stabil. Dieses Fundament besteht aus einer Fülle einzelner Bestandteile. Das sind unsere Eigenschaften, Bedürfnisse, Erwartungen, Interessen und vieles mehr. Je besser die Bestandteile wie Puzzleteile ineinandergreifen, desto fester ist unser Halt. Dann fühlen wir uns gut. Wir sind mit uns „im Reinen“, wie man sagt.

Transidentität ist eines dieser Puzzleteile unseres Fundaments, die zusammen eine sensible Konstruktion bilden. Im Idealfall sind sie ausbalanciert und stehen im Gleichgewicht zueinander. Dann kommen wir auch mit unserer Transidentität klar. Es ist jedoch eine lebenslange Herausforderung, diese Ausgewogenheit zu erhalten. Durch innere oder äußere Einflüsse können sich die Gewichte leicht verschieben. Außerdem sind wir umgeben von weiteren Elementen, die wir im Zeitverlauf bewusst oder unbewusst in unser Fundament integrieren (Beispiele: Unser Wein- oder Musikgeschmack ändert sich. Wir sammeln keine Briefmarken mehr und faszinieren uns stattdessen für Base-Jumping. Wir sind im Laufe der Jahre weniger ängstlich und trauen uns insgesamt mehr zu. Wir geben unseren Job als „Immobilienhai“ auf und treten dem „Orden wider den tierischen Ernst“ bei).

Bei solchen Veränderungen, die im Laufe unseres Lebens eintreten, muss unser System, unser Fundament, neu ausgerichtet werden. Das sollte uns bewusst sein. „Wer die Veränderung nicht will, der will auch nicht das Leben!“, sagt ein weiteres Sprichwort. Oder, positiver formuliert, man muss dem Glück entgegengehen! Denn die Frage stellt sich nicht, ob wir Veränderungen wollen. Veränderungen führen wir teilweise selbst herbei (bewusst oder unbewusst). Oder sie finden einfach statt, ganz ohne unser Zutun. Das Wollen und Annehmen neuer Weichenstellungen in unserem Leben ist dabei entschieden einfacher als dagegen Widerstand zu leisten. Und darin liegen durchaus viele positive Aspekte, auch wenn wir manchmal nicht alles sofort überblicken können.

Transidentität in unser Fundament integrieren

Transidentität ist also ein Teil des persönlichen Fundaments von Transgendern. Transidentität steht somit nie für sich allein. Sie ist verknüpft mit zahlreichen anderen Eigenschaften, Bedürfnissen, Erwartungen und Interessen des Lebens. Sie ist nie Selbstzweck. Bei Vielen von uns erhält sie jedoch oft schnell ein Übergewicht. Sie dominiert die übrigen Bestandteile unseres persönlichen Fundaments, die dann immer mehr in den Hintergrund treten und oft ganz vergessen oder zumindest vernachlässigt werden. Oft sind wir dann antriebslos, ziehen uns zurück, interessieren uns nicht mehr für die Menschen, die uns nahestehen, bekommen Probleme im Job oder vernachlässigen unsere Freizeitaktivitäten.

Die dominante Frage ist in diesen Fällen fast ausschließlich die nach unserer wahren Geschlechtsidentität und die Erkenntnis, dass inneres und äußeres Geschlecht nicht zusammenpassen. Dann gerät unser individuelles Fundament aus dem Gleichgewicht, und wir fühlen uns nicht mehr wohl, glücklich und ausgeglichen. Dann gilt es, die Transidentität für sich sinnvoll und passend als ein Puzzleteil in unser Fundament neu zu integrieren, damit das Gleichgewicht wieder insgesamt hergestellt wird.

Gut ist, wenn wir das aus eigener Anstrengung schaffen. Oft können wir das jedoch selbst nicht mehr steuern und benötigen Hilfe von außen, z.B. durch Psychotherapeuten, Ärzte oder einen Coach.

Meine persönlichen Erfahrungen mit meinem Fundament und Transidentität

Ich hatte ebenfalls Zeiten, in denen mich meine Transidentität emotional dominiert hat. Zeitweise war es wie eine zweite Pubertät. Morgens bin ich mit dem Gedanken, ganz Frau sein zu wollen, aufgewacht und abends damit eingeschlafen, falls Einschlafen überhaupt möglich war. Das alles hat sich inzwischen deutlich geändert.

TransidentitätFür mich ist wichtig, meine weibliche Seite in mein übriges Leben mitzunehmen und sie dort zu integrieren, sie mit möglichst vielen anderen meiner Puzzleteile in Verbindung zu bringen. So empfinde ich es inzwischen eher als einseitig, wenn ich mich abends in „weibliche Schale“ werfe, um zu einem Stammtisch zu gehen, bei dem ich überwiegend andere Transgender treffe, wir um den Tisch sitzen und meistens die gleichen Themen hin und her drehen. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Solche Abende können sehr schön sein, vor allem mit meinen inzwischen zahlreichen Freundinnen und Freunden. Es ist aber eben nicht alles. Noch schöner ist es für mich, mit meiner stark ausgeprägten weiblichen Seite auch äußerlich nach draußen zu gehen und dabei Menschen zu begegnen, die nicht Trans sind, mich mit ihnen auszutauschen, den Job zu machen, in ein Konzert oder ins Theater zu gehen oder eine Veranstaltung oder ein Wochenendprogramm zu organisieren. Dann wird meine Weiblichkeit etwas Selbstverständliches, und sie ist einfach da. Dann ist das auch nicht mehr emotional überwältigend und deshalb kaum auszuhalten. Dann ist das etwas ganz „Normales“ und Schönes, und es gibt mir ein sehr gutes Gefühl der Ausgewogenheit. Weil eben die anderen Puzzleteile meiner persönlichen Plattform mit angesprochen werden. Oft schaffe ich es sogar, äußerlich als Kerl „verkleidet“ meine innere Weiblichkeit zu spüren und sie in meinen Alltag zu integrieren.

Ich habe für mich übrigens entschieden, keine Veränderungen an meinem Körper vornehmen zu lassen, weder mit Hormonen noch durch Operationen. Das ist der Status Quo, der nicht dauerhaft so sein muss. Im Augenblick ist damit meine persönliche Plattform jedoch im Lot. Bei anderen Transgendern mag das ganz anders aussehen. Denn jedes individuelle Fundament ist unterschiedlich aufgebaut.  Deshalb halte ich persönlich nicht viel von Schubladen, in die wir oft gesteckt werden. Transsexuelle, Transvestiten, Crossdresser, Female Copy, Drag Queen und was da alles an Begriffen durch die Gegend geistert. Diese mögen aus medizinisch-psychotherapeutischer Sicht teilweise notwendig sein. Die Grenzen dazwischen sind aber fließend und nie eindeutig. Eben weil das Fundament eines jeden Menschen individuell aufgebaut ist, sich immer wieder Veränderungen ergeben und Kategorisierungen deshalb nicht immer hilfreich sind. Mir reichen Oberbegriffe wie Transgender und Transidentität vollkommen, auch wenn diese ebenfalls nicht immer ganz optimal sein mögen.

Die eigene Plattform ergründen und gedanklich ausrichten

Dies ist auch der Grund, warum ich diesen Beitrag mit „Transidentität (richtig) einordnen“ überschrieben und „richtig“ dabei in Klammern gesetzt habe. Denn Transidentität in unsere Plattform „richtig“ einordnen können am Ende nur wir selbst, wenn überhaupt. Deshalb möchte ich diejenigen von Euch, die sich transident fühlen – in welcher Form auch immer – ermuntern, sich immer wieder Zeit zu nehmen und einmal tief in sich hineinzuhorchen, die Puzzleteile Eures persönlichen Fundaments dabei gedanklich hin- und herzuschieben, sie neu zueinander in Beziehung zu setzen und auszuloten. Dabei soll natürlich Transidentität die ihr zugedachte Rolle spielen, ohne zu dominieren. Denkt bei dieser Übung besonders an das, was Euch besonders wichtig ist und was Euch glücklich macht und was Ihr mit Eurer Transidentität evtl. in Verbindung bringen könnt. Oft sind es nur kleine Dinge, die wir leicht übersehen. Eine Tätigkeit in Freizeit oder Beruf, die uns leicht von der Hand geht und die wir gerne machen, ein Ort, an dem wir uns gerne aufhalten, ohne zu wissen, warum das so ist, Menschen, die uns gut tun, Musik oder Bilder, die uns besonders ansprechen: Es gibt so Vieles. Und es ist für fast jeden etwas dabei, egal ob reich ob arm, egal mit welcher Geschlechtsidentität oder welchen Alters oder was auch immer.

Ich habe zum Beispiel eine sehr liebe Trans-Freundin, die ausgesprochen gern zu Heavy Metal Konzerten fährt. Seit sie sich zu ihrer weiblichen Seite bekennt, tut sie das auch äußerlich als Frau. Da bekommt der Begriff „Rockkonzert“ eine neue Bedeutung, wie sie selbst sagt. Wieder andere Transfreundinnen fahren leidenschaftlich gern Motorrad. Sie haben sich inzwischen eine weibliche Motorradkluft einschließlich Perücke unter dem Helm zugelegt und biken damit über die Straßen. Klingt für manche vielleicht komisch, ist aber so. 

Diese innere Sortierung kann ein erster wichtiger Schritt sein, zu dem ihr bei Bedarf auch Hilfe von außen in Anspruch nehmen könnt. (Übrigens ist das eine Übung, die auch Nicht-Transidenten gut tun kann).

Nehmt Euch auf alle Fälle dazu die notwendige Zeit und überstürzt nichts. Alles braucht seine Zeit. Und was heute dringend erscheint, kann morgen schon nicht mehr die ganz große Bedeutung haben. Niemand muss sich gehetzt fühlen. Niemand muss dasitzen wie das Kaninchen vor der Schlange. Etwas geht fast immer!

Diese innere Sortierung ist außerdem keine Einmalveranstaltung. Die Veränderungen des Lebens und unserer persönlichen Parameter machen sie immer wieder notwendig. Selbstverständlich ist das auch bei mir so.

Das war es für den Moment. Aber es geht weiter. Denn da gibt es noch die Fundamente von Menschen, die uns nahestehen oder denen wir begegnen. Auch deren Fundamente mit ihren Puzzleteilen spielen für uns eine Rolle. Wir sollten sie nicht vernachlässigen. Dazu lest bitte bald einen weiteren Blogbeitrag: Fortsetzung folgt!

Und, übrigens: Wenn es Dir gut tut, dann ist hin und weiter ein Seufzer über das „schwere“ Leben schon ok. Das mache ich auch so. Wir sollten nur nichts übertreiben!

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