(Un)Freiwilliges Outing

Ich habe vor, immer wieder einmal über das Thema „Outing“ zu schreiben. Heute dazu eine persönliche Erfahrung. Mit einem Augenzwinkern. Denn es gibt Vorgänge im Leben, die kann man nicht erklären. Man sollte sie deshalb mit Humor nehmen. So gut es eben geht!

Während meiner Münchner Zeit saß ich eines Abends in meinem Lieblings-Outfit (Ich habe nur Lieblings-Outfits) mit einer meiner Liebling-Freundinnen, der allerliebsten Alexandra, bei meinem Lieblings-Italiener. Dort wurden wir von unserem Lieblings-Kellner Theo (ich nenne ihn jetzt einfach so) fürsorglich bedient. Theo ist durch und durch Italiener. Und ein sehr netter Kerl! Bei unseren ersten Besuchen im Lokal hat er sich mit uns T-Girls schwergetan. Er behandelt uns inzwischen jedoch ausgesprochen zuvorkommend und hat im Gegensatz zu manch anderen keine Mühe, mich mit meinem weiblichen Vornamen Bianca anzusprechen. Wenn ich ab und zu als Kerl verkleidet erscheine, dann nennt Theo mich bei meinem männlichen Vornamen. Für mich war und ist beides total in Ordnung.

Nun, wir saßen also da, unterhielten uns sehr angeregt (wie könnte es auch anders sein) und warteten auf unsere Lieblings-Pizza.

Plötzlich ging die Tür des Lokals auf, und herein kamen eine Kollegin und ein Kollege aus dem Stuttgarter Büro meines Arbeitgebers. Bei einigen Kolleginnen und Kollegen in München war ich schon geoutet. In Stuttgart jedoch noch nicht.

Das Lokal ist groß. Und dennoch schaffte es Theo, die beiden direkt neben unserem Tisch zu platzieren. Toll! Dachte ich. Denn irgendwie hatte ich gerade überhaupt keine Lust auf ein Outing. Ich wollte nur in Ruhe meine Lieblings-Pizza zu mir nehmen, mein Weinchen genießen und mit Alexandra über Sinnvolles und weniger Sinnvolles weiterratschen. Denn, an meiner Stimme hätten mich die beiden bestimmt schnell erkannt.

Was tun? Schnelles Handeln war vonnöten. Das meinte ich jedenfalls und ging spontan zu Theo, um ihn zu bitten, dass er uns an einen anderen Tisch setzen möge. Und zwar, Dalli-Dalli, wie man kaschubisch-polnisch zu sagen pflegt. Theo verstand sofort und brachte uns an einen Tisch am anderen Ende des Lokals. Außer Sichtweite der Kollegin und des Kollegen sogar.

Alles war gut! Dachte ich! Aber, nur kurz! Denn Theo tauchte bald wieder auf und meinte, die „Umsiedelung“ sei zu spät gewesen. Die beiden hätten „geschnallt“, was los ist und würden über mich sprechen. 

Dann ist es eh wurscht! Dachte ich (vielleicht sollte ich das Denken einschränken?!! Es ist ja „blöd“, wenn ich mich so aus dem Staub mache und sie was gemerkt haben. Dann kann ich mit den Beiden auch reden. Und ich machte mich auf den Weg zu ihrem Tisch und setzte mich einfach neben sie, mit einem Lächeln, jedoch ohne (zunächst) etwas zu sagen.

Der Zeitpunkt war schlecht gewählt. Nicht für mich. Aber für die Beiden. Sie hatten gerade ihre Pizza bekommen, den ersten Bissen noch auf der Gabel stecken und guckten mich „entgeistert“ an. Dass sie sich noch nichts in den Mund geschoben hatten, war wiederum gut, denn sie hätten sich bestimmt verschluckt als ich zu reden begann und ihnen Bianca näher vorstellte. Es dauerte etwas, bis den Beiden klar war, wer da vor ihnen saß.

„Das ist ja interessant,“ meinten sie. „Wir haben aber nix gemerkt! Überhaupt nix!“ Oh, Theo, vielen Dank für Deinen Bärendienst!

Danach ergab sich noch ein kurzes Gespräch. Dieses endete damit, dass die beiden „hoch“ und heilig“ versicherten, dass sie „Niemandem“ etwas verraten würden. Darum hatte ich sie gar nicht gebeten. Aber, gut!

Ich ging jedenfalls zurück zu Alexandra und zu meiner inzwischen abgekühlten Lieblings-Pizza. Im Nachhinein fragte ich mich, was richtiger gewesen wäre. An dem neuen Tisch sitzen bleiben und gar nichts machen? Oder das zu tun, was ich getan hatte, nämlich Bianca direkt vorzustellen? Im Leben gibt es nicht nur Schwarz oder Weiß, Richtig oder Falsch! Manchmal passiert eben etwas, und man muss es nehmen, wie es kommt. Nach einigem Grübeln machte ich meinen Frieden mit der Situation und meiner spontanen Outing-Aktion! Was solls? Jetzt wissen es halt wieder 2 mehr. Ich trank an diesem Abend ein Weinchen extra, und der Aufenthalt bei Theo &Co. ging sehr entspannt zu Ende.

Niemals habe ich gehört, dass die Beiden entgegen ihrer Zusage geplaudert hätten. Es wäre mir auch egal gewesen. Mit der Kollegin habe ich über soziale Medien noch hin und wieder Kontakt. Sie hat sich sehr für Transidentität und meine Aktivitäten mit Transgender-Happiness interessiert. Eine schöne Erfahrung!

Zur Nachahmung nicht unbedingt empfohlen. Nicht Jede oder Jeder kann ein zufälliges Outing wie dieses auf die leichte Schulter nehmen. Das möchte ich hier sehr deutlich machen. Also, immer gut überlegen, bevor man Spontanaktionen dieser Art startet.

Für mich persönlich ist das jedoch eine Erfahrung, die ich in meine Anekdotenkiste gepackt habe, aus der ich gerne schöpfe und erzähle.

Herzlichst

Bianca  

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