Der Sessel ist leer – Gedanken über das Glück in einer stillen Zeit

Der Sessel ist leer. Es ist der Sessel meines Vaters. Mein Vater ist gegangen. Für immer. Ich werde ihn nicht mehr in diesem Sessel sitzen sehen. Es ist immer traurig, wenn ein Mensch dieses Leben verlassen muss. Es ist aber auch der Lauf der Welt. Ich werde meinen Vater sehr vermissen und dabei viele gute Erinnerungen an ihn behalten.

Mein Vater war ein liebenswerter Mensch, der nie ein großes Aufsehen um sich gemacht hat. Er war bescheiden, uneitel, freundlich, selten ärgerlich. Er hat auf Vieles zugunsten Anderer verzichtet. Ich weiß nicht, ob er sich selbst dabei immer gut und glücklich gefühlt oder ob er Manches nur ertragen hat, um Konflikte zu vermeiden. Darüber hat er nicht gesprochen.

Für mich, und vielleicht auch für Euch, ist das ein Anlass, tiefer über das eigene Leben und Glück nachzudenken. Was ist dazu wirklich wichtig? Was weniger? Was überhaupt nicht?

Freundlich und nett mit den Mitmenschen zu sein ist gut. Wir müssen uns aber auch selbst gut dabei fühlen. Und wir dürfen uns nicht ausnutzen lassen. Menschen mit Empathie werden immer den Spagat zwischen Selbstlosigkeit und eigenen Interessen machen müssen. Das ist eine stetige Herausforderung. Eine gute, wie ich meine. Dort, wo es darum geht, das eigene Glück zu erfahren und zu bewahren, dürfen wir uns nicht aufgeben. Das ist unser Lebensfundament, um damit auch freundlich und selbstlos für Andere da sein zu können. „Geben und Nehmen“, darum geht es.

Gerade transidente Menschen müssen sich oft mit diesem Spagat auseinandersetzen, vor allem, wenn ihr direktes Umfeld die Transidentität ablehnt oder ihr zumindest kritisch gegenübersteht. Ist es dann richtig, den eigenen Weg konsequent zu gehen, ohne Rücksicht auf Andere und mit der Perspektive, vielleicht sehr glücklich, aber möglicherweise auch sehr einsam oder unglücklich zu sein? Oder sind Kompromisse möglich, die für beide Seiten tragbar sind? Schwierige Fragen, die nicht verallgemeinert werden können.

Ich selbst habe mich bisher für den Kompromiss entschieden, weil mir meine Familie und Freunde wichtig sind, ich mich in ihre Lage versetzen kann und weiß, dass meine Transidentität für sie nicht einfach ist. Immer glücklich bin ich mit dieser Lösung nicht, aber auch nicht vollkommen unglücklich. Bei meinen Transfreundinnen gibt es einige, die den konsequenten, vollständigen Weg bis zur Geschlechtsangleichung gegangen sind, mit mehr oder weniger Rücksicht auf Andere. Manche von ihnen sind heute glücklicher, manche unglücklicher.

Die Erkenntnis ist: Das vollkommene Glück gibt es nicht. Das Leben besteht eben noch aus vielen weiteren Facetten, die unser Glück oder Unglück bestimmen. Transidentität ist ein Teil vom Ganzen. Daneben sind weitere Lebensaspekte zu berücksichtigen, um möglichst viel Glück erfahren und genießen zu können.

„Geben und Nehmen“! Vielleicht ab und zu auf etwas verzichten, wenn es geht. Möglicherweise ist das eine gute Formel für unser Lebensglück. Jede und jeder sollte mit großer Umsicht seine Entscheidungen für ein Höchstmaß an eigenem Glück treffen, in sich hineinhören, flexibel sein, um evtl. auch einmal die Richtung ändern zu können.

Irgendwann wird auch unser Sessel leer sein. Dann sollten wir in dem Bewusstsein gegangen sein, dass wir ein erfülltes und überwiegend glückliches Leben hatten. Und, dass wir dabei zum Glück unserer Mitmenschen beigetragen haben und in guter Erinnerung bleiben.

 

Der Sessel ist leer – Gedanken über das Glück in einer stillen Zeit

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