Total „vergendert“!? – Über gerechte Sprache

Ein Brief an die GEO Redaktion

In der Ausgabe des GEO Hefts 09 2021 ist ein interessanter Beitrag über Gendergerechtigkeit in unserer Sprache erschienen. Ich habe den Artikel und ein daran angeschlossenes Interview mit 2 Sprachwissenschaftlerinnen zum Anlass genommen, um an die Redaktion zu schreiben und meine Sicht auf das Thema zu schildern. Meine Gedanken möchte ich Euch nicht vorenthalten. Sie mögen auch interessant sein, wenn Ihr den Artikel in GEO nicht lesen konntet. Dennoch ist dieser sehr zu empfehlen. 

Mein Beitrag ist nicht „gegendert“. Bewusst nicht, solange es keinen klaren gemeinsamen Weg gibt.

Herzlichst Bianca

Und hier nun meine Zeilen an die GEO Redaktion

Ich bin transident und lege Wert auf Respekt, Wertschätzung, Chancengleichheit, Gerechtigkeit und damit auf Toleranz.

Diskriminierung ist nicht gleich Diskriminierung

Ich bin nicht perfekt, wie niemand, übrigens. Ich versuche jedoch Anderen gegenüber möglichst umfassend tolerant zu sein. Und ich erwarte das für mich von meinen Mitmenschen. Diskriminierung lehne ich in jeder Hinsicht ab. Ich habe allerdings Verständnis, wenn Diskriminierung (noch) unbewusst stattfindet. Dann muss nicht gleich der moralisierende Finger gehoben werden. Ein Hinweis, den das Gegenüber anzunehmen bereit ist, kann oft genügen. Wichtig ist, dass eine generelle Sensibilisierung zur Vermeidung von Diskriminierung stattfindet und in unserer Gesellschaft verankert wird. Hierzu gibt es gerade jedoch leider sehr entgegengesetzte Entwicklungen.

Toleranz als innere Grundhaltung

Toleranz und die vielen dafür notwendigen Verhaltensweisen und Eigenschaften bilden eine innere Grundhaltung. Diese muss entwickelt werden, wenn sie noch nicht oder zu wenig vorhanden sind. Bei jeder und jedem Einzelnen und in der Gesellschaft insgesamt. Der Weg zu einer toleranten Einstellung ist in der Regel langwierig und intensiv. Er sollte über die stetige Bereitstellung von Informationen, Gespräche, Verstehen und Verständnis und Akzeptanz schließlich zum Ziel führen. Toleranz kann nicht von außen verordnet werden, schon gar nicht radikal mit der Brechstange und von Moralaposteln, die gleich den Strafkatalog für Nichtbeachtung mitliefern und umsetzen.

Sprache dient der Entwicklung der inneren Haltung

Die Gestaltung einer gendergerechten Sprache ist nicht Selbstzweck. Das wird in den teilweise hitzig geführten Debatten häufig übersehen. Gerechte Sprache bringt als „Sprachrohr“ idealerweise vorhandene verinnerlichte Toleranz nach außen zum Ausdruck. Sie kann außerdem dem Aufbau und Erlernen einer inneren Haltung dienen. Neben der Sprache gibt es eine Vielzahl weiterer Einflussfaktoren, die zu einer toleranten Einstellung führen. Sprache leistet dazu nur einen sehr eingeschränkten Beitrag. Eine gendergerechte Sprache führt nicht automatisch zu gelebter Toleranz und Gerechtigkeit. Es gibt genügend Menschen, die sich einer vermeintlich gerechten Sprache bedienen und dennoch Verachtung, Intoleranz und Respektlosigkeit zum Ausdruck bringen können. Dann fehlt es an der inneren Einstellung. Sprache ist in diesem Fall nur das „Deckmäntelchen“, nichtssagende Worthülse, häufig genutzt von „Wölfen, die Kreide fressen“.

Natürliche Entwicklungen bevorzugen

Es macht wenig Sinn, die Gesellschaft mit der zwanghaften Gestaltung einer gendergerechten Sprache verrückt zu machen und das Thema herauszuheben und überzubetonen. Nur die Berücksichtigung natürlicher sprachlicher Entwicklungsprozesse, klar verankerte und verständlich formulierte, allgemeingültige Regeln tragen schließlich zu wahrer, gelebter Toleranz und Gerechtigkeit bei. Gleichzeitig müssen Betroffene einbezogen und eine ganzheitliche Sichtweise angestrebt werden, die neben Sprache weitere Aspekte aufnimmt. Die aktuell vielfältigen Initiativen unterschiedlichster, konkurrierender, sich teilweise selbst berufender Institutionen und Personen mit oft dogmatischen Ansätzen führen ins Chaos und sorgen für Unverständnis und Kopfschütteln.

Extreme vermeiden, Sachlichkeit betonen

Die Diskussion um Gerechtigkeit in unserer Sprache ist dennoch richtig und wichtig. Sie muss jedoch sachlich geführt werden. Sie darf nicht auf der Basis extremer Ansätze und der Verlautbarung individueller Sichtweisen stattfinden. Insofern finde ich die Einlassungen von Frau Pusch (Anmerkung: Eine Sprachwissenschaftlerin, die in dem GEO Beitrag zu Wort kommt)  fast schon belustigend. Ich fürchte jedoch, dass sie es ernst meint. Sie plädiert unter anderem für eine vollständige Feminisierung unserer Sprache. „Dann sollen halt die Männer erdulden, was wir Frauen seit Hunderten von Jahren erduldet haben“, sagt sie. Ich bezweifle, dass die Mehrzahl der Frauen über die Jahrhunderte hinweg unter der Sprache gelitten und sie erduldet hat. Das ist eine einseitige Bewertung von Frau Pusch aus heutiger Sicht. Frauen haben überwiegend mit dieser Sprache wie selbstverständlich gelebt und sie gesprochen. Sie haben gar nicht darüber nachgedacht, was Frau Pusch aus ihrem Blickwinkel zu unterstellen versucht. Dabei verkenne ich nicht, dass Frauen in einer männerdominierten Welt viel zu wenig Gerechtigkeit erfahren haben. Sich über unaussprechbare Verschwurbelungen oder die vollständige Feminisierung der Sprache dafür jetzt zu revanchieren, wie Frau Pusch letzteres propagiert, ist wenig zielführend.

Gerechtigkeit für ALLE

Denn Gerechtigkeit ist keine Einbahnstraße. Sie muss für alle entstehen. Ich stelle nicht in Abrede, dass es umfassenden Nachholbedarf bei der Erlangung von mehr Gerechtigkeit und Gleichbehandlung für Frauen und andere Gruppen der Gesellschaft gibt. Großen sogar. Und dabei geht es nicht nur um sprachliche Gerechtigkeit. Wahre Gleichbehandlung und Gerechtigkeit entstehen jedoch nur, wenn durch neue gerechtigkeitsstiftende Maßnahmen für die einen nicht neue Diskriminierungen und Intoleranzen für die anderen hervorgerufen werden. Einseitige Initiativen dieser Art landen in der Regel in der Sackgasse, stoßen auf eine Mauer von Ablehnung, Aggression und weiterer Intoleranz. Ausgewogenheit, Sachlichkeit und gegenseitiges Verständnis sind das Gebot der Stunde. Im notwendigen Umfang eben auch gegenüber den „Jungs“ der Schöpfung. Sie einzubinden und dazu zu bewegen, an einer wahren Gerechtigkeit mitzuarbeiten, ist ein ausgesprochen schwieriges und sehr langwieriges Unterfangen. Am Ende ist es aber der einzig zielführende Weg. Frauen und weitere gesellschaftliche Gruppierungen dürfen nicht „im eigenen Saft“ schmoren, auch wenn es sich für die Betroffenen manchmal ganz kuschlig anfühlen mag.

Reden wie uns der Schnabel gewachsen ist

Ihre Beispiele für eine gendergerechtere Sprache sind schön und richtig. Aus „Wie integriert man 7000 Rebellen“ machen Sie zum Beispiel das neutrale Synonym „Wie integriert man 7000 Aufständische.“ Ich bezweifle, dass solche Anpassungen im alltäglichen Sprachgebrauch gelingen. Denn die Menschen reden darauf los, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist und wie man es ihnen beigebracht hat. Da mag es noch so viele Beispiele und Kataloge geben. Wenn Toleranz als innere Grundhaltung erst einmal breiter vorhanden ist, dann mag das auch zur Sensibilisierung für genderneutrale Formulierungen führen. Das ist aber eher eine langfristige und natürliche Sprachentwicklung. Mit Verordnungen wird das nicht gelingen.  

Auch ich möchte reden wie ich es gelernt und mein ganzes Leben getan habe. Ich möchte nicht jeden Satz, jedes Wort, ja inzwischen jeden Buchstaben und jeden Stern* auf die „Genderwaage“ legen, bevor ich etwas über meine Lippen lasse. Ich möchte spontan sein dürfen. Ich möchte schnell und flexibel reagieren können. Ich möchte ernsthaft nachdenken und über gegensätzliche Meinungen reden können. Ich möchte Richtiges sagen, aber auch ab und zu falsch liegen. Ich möchte humorvoll sein und Ernstes zum Ausdruck bringen. Ich möchte die Leichtigkeit beim Gebrauch der Sprache nicht verlieren und nicht zum Lachen in den Keller gehen müssen. Und vor allem möchte ich nicht von irgendwelchen selbsternannten Moralisten an den Pranger gestellt werden, wenn aus ihrer Sicht etwas nicht so ist, wie es sein sollte oder wie sie es gerne gehabt hätten.

Frau und Mann als starke Pole der Geschlechtervielfalt

Frau und Mann sind für mich Grenzwerte, die Pole in der Geschlechtervielfalt. Dazwischen gibt es noch viel mehr. Dennoch definiert sich die Mehrzahl der Menschheit als männlich oder weiblich. Der überwiegende Teil der transidenten Menschen tut dies ebenso, nur, dass eben ihr Körper dazu (noch) nicht passt. Sie können und wollen deshalb auf irgendwelche Buchstaben und Sternchen getrost verzichten. Ihre eigene Zuordnung ist überwiegend eindeutig.

Als transidenter Mensch möchte ich nicht von einem Sternchen, einem Unterstrich oder Doppelpunkt repräsentiert werden. Oder durch eine Sprechpause vor dem so genannten „Binnen-I“. Oder durch die Bezeichnung „Divers.“ Im Schriftlichen sind diese Ansätze schon wenig hilfreich und praktikabel. Lösungen für das „gesprochene Wort“ fehlen fast vollständig. Angesprochen als „Stern Müller“? Das kann es nicht sein (wobei in diesem Fall nicht nur an der Anrede, sondern auch am Nachnamen gearbeitet werden müsste. „Müller“ bringt schließlich nur die männliche Variante dieses Berufsstandes und viel verbreiteten Namens zum Ausdruck).   

Zwischen Mann und Frau

Spannend dagegen wäre eine brauchbare Erkenntnis, wie viele Menschen in diesem Land sich weder als Frau noch als Mann fühlen und ob sie eine alternative Bezeichnung zu Frau oder Mann wirklich wollen und welche sie sich dann vorstellen könnten. Möglicherweise reift dann die Erkenntnis, dass das gar nicht so viele sind. Ihnen müssen wir helfen. Keine Frage. Aber eher individuell als generell. Denn in dem Augenblick, in dem neue Formen der Anrede und Bezeichnung für diese Menschen entwickelt und ihnen diese womöglich übergestülpt werden, nageln wir sie schon wieder fest. Vielleicht sind einige von ihnen damit einverstanden, andere aber nicht. So entstehen weitere Formen von Intoleranz und Diskriminierung.

Dem Volk aufs Maul schauen

Ohnehin fürchte ich, dass manche „Genderisierungsdebatte“ von sehr zahlreich vorhandenen Intellektuellen und Moralisten ausgeht, die von dem Thema an sich gar nicht betroffen sind und mit ihrem Sendungsbewusstsein die Welt retten wollen. Intoleranz gegenüber Andersdenkenden inbegriffen.

Müssen wir daher tatsächlich die ganze Sprachwelt umkrempeln? Müssen wir Menschen deshalb zum Umdenken zwingen und sie „umerziehen“? Müssen wir sie öffentlich an den Pranger stellen, wenn sie sich versehentlich nicht an irgendwelche diffusen Regeln halten, die aufgrund der Vielzahl der aktuellen Initiativen vollständig aus den Fugen geraten und noch längst nicht klar sind?

Ihr Beitrag bewegt sich auf hohem intellektuellem Niveau. Wie viele andere in diesem Zusammenhang. Vielleicht ist das Ihrer Leserschaft geschuldet. Das kann ich verstehen. Wir sollten aber auch dem „Volk aufs Maul schauen“ und hören was diese unsäglichen, überwiegend im Bildungsbürgertum geführten Diskussionen mit den Menschen machen. Können „Lieschen Müller“ oder „Otto Normalverbraucher“ sie noch verstehen? Ich denke, nicht.

Plädoyer für den sanften, natürlichen, aber langen Weg

Ich bin sehr überzeugt davon, dass viele aktuell hochintellektuell aufgesetzte, vielleicht gut gemeinte Sprachinitiativen das Gegenteil von dem bewirken, was ursprünglich bezweckt war. Wir schaffen nicht mehr Toleranz, sondern mehr Ablehnung gegenüber einer bunteren Welt. Damit treiben wir womöglich noch mehr Menschen in die rechtsextreme Ecke, wo Ihnen das wiedergekäut wird, was sie gerne hören wollen. Weil viele mit der Fülle der gegenwärtigen Veränderungen ziemlich überfordert sind und sich doch ein Stück ihrer bisherigen Welt bewahren wollen, an dem sie sich festhalten können. Sind wir uns unserer Verantwortung in dieser Hinsicht bewusst? Wollen wir die Spaltung in unserer Gesellschaft weiter befördern? Nein, denke ich! Ich plädiere deshalb für einen sanften, natürlichen, weniger moralisierenden, klaren und funktionierenden Weg, wenn es um Gerechtigkeit insgesamt und in unserer Sprache geht. Weit gefasste Leitplanken mögen genügen, wenn sie der Förderung einer Haltung der inneren Toleranz dienen. Lassen wir die Kirche also im Dorf. Denn am Ende sollten wir nicht sagen müssen: Wir haben uns total „vergendert“! 

Total „vergendert“!? – Über gerechte Sprache

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