Reden ist Gold!

Plädoyer für den Dialog!

Ich gehe gerne zu Treffen mit anderen Transgendern. Zum Beispiel zu den T-Girls mit Stil und Niveau in München, zum Stammtisch Schwabing oder Mannheim oder zum Transtalk nach Karlsruhe. Zurzeit ist pandemiebedingt aber leider Pause.

Noch lieber gehe ich zu Treffen, bei denen nicht nur Transgender dabei sind: Frauen, Männer, Heteros, Lesben, Schwule oder die ganze bunte Mischung. Das ist sehr unterhaltsam und bereichernd.

Vor allem bei Treffen von Transgendern fällt mir immer wieder eine gewisse Sprachlosigkeit bei einigen Teilnehmer*Innen auf. Manche verbringen einen ganzen Abend in einer schönen Runde, ohne viele Worte zu verlieren. Woran mag das liegen? Ich denke, es gibt verschiedene Gründe dafür:

  • Du bist neu in der Runde, und es ist für Dich schwer, Zugang zu den Anderen zu finden
  • Du lebst Deine Geschlechtsidentität noch nicht lange aus. Deine bisher männliche (Transfrau) oder weibliche (Transmann) Konditionierung kämpft innerlich gegen Deine wahre männliche oder weibliche Geschlechtsidentität. Damit bist Du ziemlich beschäftigt
  • Du weißt selbst noch nicht so recht, was Du von Deinem z.B. weiblichen Outfit halten sollst, bist unsicher und zwischen Selbstannahme und sich peinlich fühlen hin- und hergerissen
  • Du genießt Dein neues weibliches/männliches Outfit, fühlst es, hörst in Dich hinein und bist sehr stark auf Dich selbst fixiert, möglichst vor einem Spiegel
  • Du haderst mit Deiner Stimme, die nicht zu Deiner wahren Geschlechtsidentität passen will
  • Du bist insgesamt kein Mensch, der viele Worte verliert
  • Dir ist bewusst, dass das Outfit eine Äußerlichkeit ist. Die ist wichtig. Du bist damit aber noch lange nicht in Deiner wahren Geschlechtsidentität angekommen

Es mag weitere Gründe für die Zurückhaltung bei Gesprächen geben. Alle hier genannten und ungenannten Transgender möchte ich heute ermuntern: Es ist ausgesprochen lohnenswert, mit Anderen ins Gespräch zu kommen! Auch, wenn es schwerfällt! Mir geht es hier nicht darum, weit verbreitete Klischees zu bedienen, dass Frauen mehr Worte haben als Männer. Nein! Reden und Gespräche, der Austausch mit anderen Menschen sind gerade für transidente Menschen wichtig, um auf ihrem Weg weiterzukommen. Welche Erfahrungen hat mein Gegenüber gemacht? Wie war sein Weg? Was kann ich aus der Unterhaltung mitnehmen? Was kann ich meinem Gesprächspartner vermitteln? Gibt es Gemeinsamkeiten, aus denen wir zusammen etwas machen können? Dabei muss es nicht immer der ernsthafte Austausch sein. Oft kann ein lockerer Smalltalk, eine kleine Geschichte oder ein Spaß Anlass für ein Lächeln, ein Lachen, mehr Farbe und Freude im Leben sein.

Wichtig ist, dass man/frau in ein wirkliches Gespräch, in einen Dialog kommt. Es gibt Menschen, die gerne Monologe halten, hauptsächlich über sich selbst reden und wenig bis kein Interesse an ihrem Gegenüber zeigen. Da wird man leicht zum reinen Zuhörer, zum Empfänger degradiert, ob man will oder nicht. Ich selbst gehöre nicht unbedingt zu den Schweigsamen. Das heißt, ich rede gerne und viel. Weil ich das weiß, hinterfrage ich mich deshalb immer wieder, ob meine Gesprächsanteile zu groß sein könnten. Wie sagt der Hochschullehrer Horst-Joachim Rahn: „Mit dem Redeanteil bei Gesprächen ist es wie mit dem Ballbesitz beim Fußball: Er ist nicht entscheidend!“

„Ein gutes Gespräch ist wie ein Spaziergang durch unser Herz und unsere Seele“, sagt die Standesbeamtin Angelika Emmert. Es lohnt sich also, die Komfortzone zu verlassen und aktiv das Gespräch zu suchen. Das kann auch am Telefon oder per Videochat geschehen. Und diejenigen, die schon mit ihren engen Freund*Innen zum Gespräch zusammengefunden haben, sollten auf weniger Integrierte zugehen und sie einbeziehen. Denn die Erweiterung des eigenen Netztwerks ist immer lohnenswert!

Reden kann Gold wert sein! Nicht nur für Transgender!

Herzlichst Bianca

Reden ist Gold!
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