Erleuchtung in der Waschanlage

Wie Transidentität den Horizont erweitert!

Zu meinen samstäglichen Verrichtungen gehört es regelmäßig, mit dem Auto durch die Waschstraße zu fahren, damit uns die Nachbarschaft ob unseres vor dem Haus geparkten und glänzenden Fahrzeugs wohlgesonnen bleibt und kein schiefes Bild von uns bekommt. Zumindest bilde ich mir das so ein. Im Grunde ist mir aber „wurscht“, was die Nachbarn darüber denken.

Es war jedenfalls kurz nach meinem Outing, als die Fahrzeugpflege wieder einmal fällig war. Ich fuhr zur Waschstraße und stellte mich brav in die Reihe.

Eine junge Frau wurde gerade eingewiesen. Von den Betreibern der Anlage, die ihrer männlichen Spezies alle Ehre machten. Die Herren wollten sich schon dem nächsten Fahrzeug zuwenden als die Waschstraße abrupt zum Stillstand kam. Die junge Frau hatte wohl versäumt, den Gang rauszunehmen oder die Handbremse zu öffnen. Jedenfalls war die Fahrt bereits nach 2 Metern zu Ende. Nichts ging mehr!

„Wo zwei zusammenstoßen, siegt der Besonnene“ (Laotse)

Die beiden testosterongesteuerten Betreiber tobten lautstark. Dabei benutzten sie Worte, die nicht unbedingt in die Kategorie Kundenorientierung eingeordnet werden können. Außerdem klang die weit verbreitete Meinung durch, dass Frauen halt nicht Auto fahren können: „Wir haben es ja schon immer gewusst!“

Das Mädel reagierte supercool. Sie stieg aus ihrem Wagen aus und machte den beiden Herren in aller Seelenruhe klar, dass es nicht zu ihren Kernkompetenzen gehört, in dieser Situation das Fahrzeug vorwärts oder rückwärts zu bewegen. Die beiden Betreiber sollten sich doch bitte darauf verständigen, wer von ihnen das Auto wieder rausfährt, falls sie am Weiterbetrieb ihrer Anlage interessiert seien. Dies geschah denn auch, in Verbindung mit wortreichem Getöse seitens der Experten der mobilen Fahrzeugpflege. Danach ging es wie geplant weiter mit der Wagenwäscherei.

Ich habe mich über diesen Vorfall köstlich amüsiert. Noch einige Zeit vorher hätte ich ebenfalls in die Klischeekiste gegriffen und mich über die „blöde K..“ aufgeregt. Jetzt war es plötzlich ganz anders. Ich fand die Reaktion der jungen Frau prima. Sie räumte ein, dass sie nicht in jeder Hinsicht perfekt ist und das unterstrich sie mit großem Selbstbewusstsein. Jedenfalls zeigte sie trotz ihres Missgeschicks die deutlich bessere Haltung unter den anwesenden Protagonisten. Souverän einfach!

Schwächen? – Was solls!

Klar war außerdem, dass das auch einem Mann hätte passieren können. Der hätte vielleicht versucht, den Lapsus möglichst unauffällig selbst zu korrigieren. Schwächen kann Mann nicht gut zeigen. Und womöglich wäre dabei die ganze Waschanlage zu Bruch gegangen.

Wir alle haben Schwächen, z.B. auch Angela Merkel, Dieter Bohlen oder der Papst (wenn letzterer nicht gerade als unfehlbar eingestuft ist).

Die junge Frau in der Waschanlage hat klar gemacht, dass dort, wo wir Schwächen haben oder zu erkennen meinen, tatsächlich oft viele Chancen und Stärken liegen. Nicht nur in der Waschanlage! Es kommt eben auf die Haltung an. Inzwischen vermute ich, dass sich viele Frauen über die Jungs der Schöpfung herzlich amüsieren, wenn diese sich aufpusten und einen Riesenaufstand machen. Wortreich, wie es sonst nur Frauen zugeschrieben wird.

Mir machte dieses Ereignis außerdem meinen veränderten Blickwinkel deutlich! Ein neues Verständnis! Seitdem ich mich zu meiner Transidentität selbstbewusst bekenne, besteht keine Notwendigkeit mehr, mich althergebrachter Klischees zu bedienen, um „gorillasilberrückengleich“ eine männliche Überlegenheit zu betonen und unter Beweis zu stellen.

Raus aus dem Mief und neu denken

Beim Schreiben dieser Zeilen kommt mir eine Idee. Es sollte neben Waschstraßen für Autos auch solche für Menschen geben. Man geht auf der einen Seite rein, und mit wild rotierenden „Gedankenbürsten“ werden sämtliche Vorurteile, Vorbehalte, Intoleranzen und sonstiger Unrat weggeputzt. Ganz ohne innere oder äußere Verletzungen. Nachdem der Mief beseitigt ist, wird der Blick klargespült. Schließlich erfolgt die Trocknung mit heißer Luft, damit man diese selbst nicht mehr produzieren muss. Und, damit man nicht mehr nass ist hinter den Ohren. Dann ist alles bereitet, um unvoreingenommen einzutauchen in eine Welt von Vielfalt und Buntheit, die neue Perspektiven, Genuss und eine große Portion Happiness bietet.

Auch für Transgender sollte es solche Waschanlagen geben. Dort könnten sie ihre Ängste, Selbstzweifel und das damit verbundenen Versteckspiel zurücklassen. Gestärkt würden sie auf der anderen Seite wieder erscheinen, mit einem klaren Bekenntnis zu ihrer Transidentität, in welcher Form auch immer diese gelebt werden mag.

Leider gibt es solche Waschanlagen nicht. Vielleicht genügt jedoch schon eine „Handwäsche“, eine eigene, manuelle Reinigungsaktion, sozusagen. Das ist zwar weitaus schwieriger als die Fahrt durch eine Waschanlage. Umso mehr kann man sich aber freuen, wenn man die „Selbstreinigungsprozedur“ am Ende selbst geschafft hat.  

Und noch etwas (natürlich mit einem Augenzwinkern): Klischeekisten und Sprüche können manchmal ganz lustig sein? Solange sie nicht verletzend und diskriminierend sind. Man muss nur wissen, wann und vor wem man sie hervorholen kann. Und eine gute Portion Selbstironie kann dabei nicht schaden. Damit die Augenhöhe erhalten bleibt. Das gilt für ALLE, Frauen, Männer und alle, die sich zwischen diesen Grenzwerten bewegen! Wir müssen zum Lachen und gemeinsam Spaß haben ja nicht in die Waschstraße fahren!

Herzlichst

Bianca

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