„Gefangen im falschen Körper“? – Eine positive(re) Sichtweise

Ein veränderter Blickwinkel schafft neue Perspektiven

„Gefangen im falschen Körper“, diese Formulierung ist oft zu hören, wenn es um transidente Menschen geht. Irgendwie stört mich diese Beschreibung schon seit langer Zeit. Sie ist mir zu negativ. Und sie ist mir inzwischen zu abgedroschen. Deshalb möchte ich heute ein paar Gedanken beisteuern, wie wir eine positive(re) Sicht auf diese „vermeintliche“ Gefangenschaft gewinnen können.

Unser Körper ist grundsätzlich nicht „falsch“. Wir behalten ihn ja auch. Und wir sind in ihm auch nicht „gefangen“. Anstelle von einem Gefängnis zu sprechen, sollten wir lieber davon ausgehen, dass unser Körper einen mehr oder weniger intensiven „Feinschliff“ braucht, damit wir uns wirklich gut und glücklich fühlen. Das ist auch der Grund, warum wir von einer „Geschlechtsangleichung“ sprechen und nicht (mehr) von einer „Geschlechtsumwandlung“.

Sich „frei“ machen

Die notwendigen Angleichungen sind von unserem seelischen, geistig-spirituellen Geschlecht abhängig. Es ist tief in uns verankert. Häufig müssen wir es in uns erst suchen, entdecken und ergründen, damit wir es wirklich wahrnehmen. Dabei kann es hilfreich sein, zuerst die über Jahre und Jahrzehnte gelernte und antrainierte soziale Geschlechterrolle (als Mann oder Frau) etwas beiseitezuschieben, damit wir den Kern unseres wahren Geschlechts freilegen können. Dieser muss nicht zwingend männlich oder weiblich sein. Er kann auch aus einer Mischung bestehen oder irgendwo zwischen diesen beiden Grenzwerten liegen.

Angleichung ist nicht gleich Angleichung

Der Umfang der Angleichungen ist im Einzelfall sehr unterschiedlich. Er kann sich im Zeitverlauf verändern, bis hin zur vollständigen Geschlechtsanpassung. Es gibt Transgender, die gerne in weiblicher Kleidung ausgehen, es aber ebenso schätzen, wenn sie als „Kerl“ wieder ungeschminkt in Jeans und Schlabber T-Shirt unterwegs sein können, um sich mit ihren Kumpels zu treffen.  Manche mögen diese Menschen in die Schublade „Transvestit, Crossdresser, Teilzeitfrau, etc.“ schieben. Wenn wir den Gedanken des „wahren inneren Geschlechts“ jedoch ernst nehmen, verbieten sich solche Kategorisierungen. Und wer weiß schon, ob es sich nicht um eine vorübergehende Entwicklungsstufe handelt, der noch weitere folgen?

Ich habe einige Freundinnen und Freunde, die inzwischen weitere Schritte gegangen sind. Dazu gehören z.B. längere (Transfrauen) oder kürzere (Transmänner) Haare oder ein weiblicher bzw. männlicher Haarschnitt. Dazu gehören kosmetische Behandlungen (z.B. Epilationen), Stimmtrainings, andere Verhaltensweisen (aber Vorsicht Rollenklischees! Nicht übertreiben und authentisch bleiben!), feminisierende oder maskulinisierende Schönheitsoperationen, bis hin zu Hormontherapien und operativen Geschlechtsangleichungen. Das gesamte Spektrum ist mehr oder weniger bekannt.

Freiheit statt Gefangenschaft!

Wie immer diese Entwicklungen auch sein mögen, wenn wir uns auf unser inneres Geschlecht besinnen und uns gleichzeitig mutig von sozialen Hemmnissen und gesellschaftlichen Zwängen freimachen, um uns zu uns selbst zu bekennen, dann sind wir nicht mehr in unserem Körper gefangen. Dann nehmen wir uns die „Freiheit“, diesen und unser gesamtes Leben so zu gestalten, wie wir es für richtig halten. Und es eröffnet sich uns eine Vielfalt an Gestaltungmöglichkeiten, die viel weitergehen als bei den Menschen, die fast nur in männlichen oder weiblichen Kategorien denken.

Unbewusste Gefangenschaft des Mainstreams

Denn die überwiegende Zahl der Menschen, die oft gerne als normal bezeichnet wird, denkt über diese Fülle an Gestaltungsmöglichkeiten gar nicht nach. Sie haben einen männlich oder weiblich ausgeprägten Körper, die Seele passt (wahrscheinlich) dazu und die soziale Konditionierung hat über die Jahre hinweg ebenfalls stattgefunden. Passt! Basta! All diesen Menschen gehen Welten verloren. Sie können in dieser Hinsicht selten über ihren eigenen Tellerrand schauen. Ihnen sind enge Grenzen und Verhaltensweisen im Denken und Handeln vorgegeben. Sind diese Menschen deshalb nicht viel eher in ihrem Körper gefangen? Ist diese Gefangenschaft nicht schlimmer, weil ihnen diese gar nicht bewusst ist? Müssen wir unser „Schicksal“ als transidente Menschen wirklich beklagen? Ist es für Transgender nicht schön, sich eine Welt zu eröffnen, die viel weiter und befreiender ist? Sind wir nicht auch Bindeglied zwischen den „Extremen“ Mann und Frau? Können wir deshalb nicht zum gegenseitigen Verständnis beitragen und das starre Verständnis von männlich und weiblich aufweichen?

Ich bin so frei

Wo immer möglich, sollten wir Transgender damit aufhören, uns als Gefangene unseres Körpers zu fühlen und vielmehr das Leben in Freiheit und bunter Vielfalt genießen. Wahrscheinlich braucht es eine Weile, bis wir dazu wirklich „Ja“ sagen können. Die Zeiten dafür sind günstig! Wir sollten es deshalb ausprobieren, allein oder mit Unterstützung von außen.

Es grüßt Euch mit (hoffentlich) freiem Geist in einem (sicher) freien Körper

Eure Bianca

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