Minderheiten? Gibt es nicht!

Wer sich in eine Minderheitenschublade packen lässt oder Andere einer Minderheit zuordnet leistet der Diskriminierung Vorschub

Liebe LeserInnen,

Heute möchte ich eine besondere These in den Raum stellen. Sie lautet:

Es gibt keine Minderheiten!

Warum? An anderer Stelle habe ich über die zahlreichen und sehr unterschiedlichen Ausprägungen, Bedürfnisse, Kenntnisse, Fähigkeiten, Interessen und Erwartungen von jedem einzelnen Menschen geschrieben. Sie alle ergeben zusammen die individuelle Persönlichkeit mit ihren vielfältigen Facetten und Eigenschaften. Jede Person ist somit einzigartig, ein „Unikat“. Keinen Menschen gibt es zu 100 Prozent deckungsgleich ein zweites Mal. Selbst Zwillinge sind unterschiedlich.

Daraus folgt: Entweder stellt jeder Mensch für sich eine Minderheit dar. Oder, im Umkehrschluss, Minderheiten gibt es nicht.

So weit, so gut oder schlecht. Selbstverständlich gibt es Eigenschaften, die eine Reihe von Menschen, gemeinsam haben. Zum Beispiel, weil sie schwarz oder weiß sind. Oder, weil sie im Rollstuhl sitzen. Oder, weil sie aus Bayern oder dem Schwabenländle kommen. Oder weil sie gerne Kutteln essen. Oder eben, weil sie transident sind.

Das ist jedoch noch lange kein Grund, sie wegen dieser einen Eigenschaft in eine Schublade zu stecken und sie als Teil einer Minderheit zu betrachten. Schwarze können zum Beispiel aus Bayern kommen, Rollstuhlfahrer transident sein, Schwaben gerne Kutteln essen, was nicht selten vorkommt (bei mir allerdings eher nicht!). Und schon bilden sich neue Gruppierungen. Einem unüberschaubaren „Minderheiten-Wirr-Warr“ wären keine Grenzen gesetzt.

Es ist schon richtig, auf die gemeinsamen Eigenschaften einzelner Gruppierungen einzugehen, zum Beispiel um Identität zu stiften, zu zeigen, dass man nicht allein mit einer Eigenschaft ist oder um bei Bedarf Hilfestellungen anzubieten.

Es verbietet sich aus meiner Sicht jedoch, in diesen Fällen das Wort „Minderheit“ in den Mund zu nehmen. Denn mit dem Gebrauch dieses Begriffs stellen wir Andere schon ein Stück weit ins Abseits. Das geschieht im Übrigen auch mit uns selbst, wenn wir uns einer vermeintlichen Minderheit zuordnen. Der Diskriminierung sind damit Tür und Tor geöffnet, auch, wenn das nicht die Absicht ist. Mit dem Begriff „Minderheit“ sind wir außerdem schnell bei dem Begriff „Minderwertigkeit“ angelangt. Und in unserer Erfolgsgesellschaft steht Mehrheit häufig für gewinnen, Minderheit für verlieren. Das kann niemand wollen.

Wenn wir also über das Gendern, über das Verbot des N-Wortes und des Z-Schnitzels diskutieren, dann sollten wir den Begriff „Minderheit“ ebenfalls kritisch hinterfragen und womöglich aus unserem Vokabular streichen. Denn nur dann wird die Gesellschaft erkennen, dass wir zwar unterschiedliche Eigenschaften haben, wir aber gerade deshalb alle Teil einer offenen, bunten und toleranten Menschheit sind, die es versteht, die verschiedenen Fähigkeiten im positiven Sinne und unvoreingenommen anzunehmen und gerne auch zu nutzen. Bis es so weit ist, wird es noch dauern. Nur so können jedoch alle ihre Bestimmung leben und ein glückliches Leben führen.

Der Blick auf diese These darf gerne unterschiedlich sein. Ich als transidenter Mensch zähle mich jedenfalls nicht zu einer Minderheit.

Liebe Grüße

Eure Bianca

Minderheiten? Gibt es nicht!

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