„Leithammel“

Gedanken über die Rollen der Geschlechter beim Radfahren

Während meiner sommerlichen Radtouren konnte ich zahlreiche Beobachtungen machen, die auch das Verhalten der Geschlechter und ihre Rollen betreffen. Oft sind es Kleinigkeiten, die in Summe zeigen, wozu die Spezies Mensch fähig ist. Sie zeigen, wie wir nur selten aus dem antrainierten oder vielleicht auch von der Natur vorgegebenen Rollenverhalten ausbrechen können. Hier eine kleine Kostprobe.

Radwege gibt es inzwischen viele, Radfahrer zu viele. Diese Situation gewährt tiefe Einblicke in den zweirädrigen Gegenverkehr. Dabei fällt auf, dass im Familienpulk überwiegend der Mann die Funktion des „Leithammels“ übernimmt. „Leitschafe oder -ziegen“ werden seltener gesichtet. Er vorneweg, die „lieben“ Kindlein, soweit vorhanden, in der Mitte, die Frau als Nachhut hinterher. Über die Positionierung nicht-binärer Personen konnte ich in dieser Hinsicht leider noch keine Erkenntnisse gewinnen.

Vor allem seit das E-Bike auch ältere Semester wieder auf den Drahtesel treibt, ist dieses Phänomen zu beobachten. Perfekt „tour-de-france-mäßig“ gestylte Opas kommen mir entgegengeschossen. Mit surrendem Elektromotor. Den High-Tech-Helm tief ins Gesicht gezogen. Darunter die nicht minder auffallende Radbrille. Wieder eine Etage tiefer ein in Ehren ergrauter Gesichtsvorhang. Und noch ein bisschen tiefer, die Plauze, durch die schon manches Weißbier geflossen ist und die sich über die gepolsterte und enganliegende Lycrahose wölbt. Mit grimmigem Blick räumen die wie Walrösser daherkommenden Herren der Schöpfung den Weg frei. Bedrohlich! Wehe denen, die sich ihnen in den Weg stellen, bewusst oder versehentlich. Sie werden niedergeklingelt oder -geschrien. Widerstand? Total zwecklos!

Hinter den walrossähnlichen Silberrücken auf Drahteseln, die den Leithammel geben (wann wird diese Tiernummer für den Zirkus entdeckt?) folgt das heulende Elend. Die werte Frau Gemahlin oder Lebensabschnittsgefährtin. Im Schlabber-T-Shirt (bügelfrei), ausgebleichte kurze Hose, normal eben, mit einem Helm, der schon vor 20 Jahren aus der Mode gekommen ist, und auf einem Pedelec, Tiefeinsteiger, das keinerlei Eindruck schindet. Eiernd und mit verkniffenem Gesicht versucht sie dem testosterongesteuerten und selbsternannten Leittier zu folgen und gleichzeitig in der Spur zu bleiben. Denn der Gemahl kennt nur den Blick nach vorne. Auch nach hinten ist ihm Mitleid fremd. So geht die wilde Fahrt. Stundenlang. Kilometerweit. Ohne Rücksicht auf Verluste. Es ist ein Glück, wer so gemeinsam am gleichen Ziel ankommt.

Schön sind auch Familien anzusehen, bei denen die „Kleinen“ mitradeln dürfen oder müssen. Vorneweg der Papa mit dem Radanhänger, in dem diejenigen Kiddies vor sich hinpennen oder -kreischen, die noch nicht gehfähig oder zumindest nicht radfahrtauglich sind. Dahinter der 10-jährige Kevin-Torben, der seine Kräfte erprobt und permanent der Gefahr ausgesetzt ist, irgendwo im Unkraut oder Unglück zu landen. Danach die 5-jähirge Emma-Alison, auf einem rosafarbenen Gefährt mit Stützrädern, stets bemüht, aber ohne Erfolg und deshalb frühzeitig heulend. Süß! Manchmal ist noch ein pubertierendes, pickelgesichtiges Etwas dabei, das missmutig seine Kreise zieht, weil es viel lieber zu Hause vor dem Gaming-PC Menschen umbringen oder sonst irgendwie mit dem Smartphone rumdaddeln würde. Und am Ende dieses Kuriositätenkabinetts folgt die geschlauchte Mama, gleichzeitig als Versorgungsfahrzeug dienend. Mit ihren „Multi-Tasking-Fähigkeiten“ darf sie alles im Blick behalten und sich immer wieder ordnend einbringen, damit der Pulk nicht zusammenbricht und der Vater ohne Anhang weiterzischt. Jeder Spaßfaktor an diesem als Ausflug bezeichneten Ritt in die Landschaft ist ihr fremd.

Nun mag man mir entgegenhalten, dass diese Klischees übertrieben sind. Richtig. Das ist so gewollt. Und ich weiß, es gibt auch Ausnahmen. Da fährt die Frau vorneweg. Und das ist schön anzusehen. Allerdings besteht die Gefahr, dass ein entgegenkommendes Walross bei zu tief ausgeschnittenem Dekolleté der ihm begegnenden Dame den Wunsch nach einem Ausflug in die Berge verspüren könnte und dabei abstürzt.

Doch, im Ernst. Warum schreibe ich das? Lasst die Frauen öfter nach vorne. Die können das. Hervorragend sogar. Und oft viel besser als die testosterongeschwängerten Machos. Und sie sorgen gleichzeitig für deutlich mehr Sicherheit, nicht nur im Fahrradgewimmel.  

Mann vorne, Frau hinten. Die Einen werden sagen, dass diese vielfach gepflegte Reihenfolge naturgegeben in uns steckt, auch in der Tierwelt üblich ist (Beispiel Leithammel) und noch aus den aus der Steinzeit herrührenden Notwendigkeiten zum Überleben stammt. Aber, ehrlich, mir ist nicht bekannt, dass es in der Steinzeit schon Fahrräder gab.

Andere wiederum werden einwenden, dass der Mensch als „vermeintlich“ intelligentes Wesen in der Lage ist, Veränderungen zuzulassen und auszuprobieren und sich damit langfristig weiterzuentwickeln. Das ist meine Fraktion.  

Wie dem auch sei, dieses Beispiel soll zeigen, dass wir noch häufiger über den Tellerrand schauen und über Gleichstellung in vielen Bereichen nachdenken müssen, im Kleinen wie im Großen. Und die Frauen? Sie sollten nicht warten, bis das Wesen mit dem Schniedel in der Hose für sie Platz macht. Sie sollten auch nicht warten, bis feministische Organisationen ihre Rechte erstritten haben. Sie sollten einfach selbstbewusst zu ihren Fähigkeiten stehen und diese leben.

Soweit Klischees und Gedanken eines Menschen, der die Sicht auf beide Geschlechter hat.

Humorvolle Grüße

Eure Bianca

„Leithammel“

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