Jennifer – Ein Interview

Seit Transgender-Happiness online ist, hatte ich zahlreiche neue und spannende Kontakte. Heute möchte ich Euch daraus Jennifer vorstellen! Sie hat mich angeschrieben und gefragt, ob wir zusammen etwas über sie in meinem Blog machen können. Wir kennen uns bisher nicht persönlich und haben uns in der Weihnachtszeit viel geschrieben. Schließlich haben wir uns darauf verständigt, Jennifer in Form eines Interviews vorzustellen. Sie hat meine Fragen sehr offen, mutig und selbstbewusst beantwortet.  

Jennifer lebt 24/7 als Frau, ohne dass sie körperliche Veränderungen an sich vorgenommen hat. Sie lebt glücklich mit ihrem Freund Thomas zusammen und arbeitet als Verwaltungsangestellte. Ihre Freizeit ist gut ausgefüllt. Sie liebt Ballett und tanzt selbst gerne. Mit „ihrem Schatz“ unternimmt sie ausgedehnte Spaziergänge in die Natur oder verbringt Zeit mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater. Besonders schätzt sie Kaffeekränzchen mit ihrer „Mädelsgruppe“, alles Frauen, die mit einem weiblichen Körper schon auf die Welt gekommen sind (Anm.: ich mag Begriffe wie „Bio- oder Cisfrau“ überhaupt nicht). Auch Shoppen oder Theater- und Museumsbesuche gehören zu Jennifers Freizeitaktivitäten. Wichtig ist ihr außerdem, das Thema Transidentität durch Vorträge und Workshops in ihrer Region in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken.

Nun lassen wir Jennifer aber selbst zu Wort kommen.

Jennifer, Du hast bisher keine Namens- und Personenstandsänderung gemacht. Warum nicht? Oder ist das noch geplant?

„Als Transgender habe ich die Freiheit, mir selbst jeden Namen zu geben. Nur behördliche Sachen laufen über meinen Geburtsnamen. Eine Namens- und Personenstandsänderung möchte ich nicht. Ich habe für mich den Namen „Jennifer“ gewählt, weil ich diesen weiblichen Vornamen einfach liebe. Zudem habe ich den Familiennamen Czerwinski von meinem Freund „angenommen“, und so führe ich nun einen Doppelnamen, den ich als Frau schon immer wollte: Jennifer Behrs-Czerwinski!“

Wenn Du nun an Deine Transidentität denkst, ist sie eher eine Bereicherung oder Belastung für Dich in Deinem Leben? Und warum?

„Ich sehe Transidentität nicht als „Zwang“. Ich habe mich für diesen Weg freiwillig entschieden, den ich deshalb definitiv als eine Bereicherung betrachte. Heute so frei und offen leben zu können, macht mein Leben um so vieles leichter. Den Begriff „Bereicherung“ kann man auch durch „Vervollständigung“ ersetzen. Ich glaube, dass meine Transidentität und das Bekenntnis zu mir als Frau meine Persönlichkeit erst richtig vollendet hat.

Zu einer Belastung wird Transidentität für mich, wenn ich meine selbstgesteckten Ziele oder bestimmte Erwartungen der Menschen an mich nicht erfüllen kann. Das nagt an meinem Selbstvertrauen und weckt Selbstzweifel in mir. Belastend sind auch äußere Einflüsse, zum Beispiel, wenn ich auf Intoleranz stoße. Gleichzeitig stärkt mich diese Ablehnung wieder dabei, der Gesellschaft meinen Stempel als MENSCH aufzudrücken. Warum sollte ich als Trans*-Person anders sein als andere Menschen?“

Was waren Deine schönsten und Deine schlimmsten Erlebnisse als transidenter Mensch?

„Großartige Momente erlebe ich immer dann, wenn ich neue Menschen kennenlerne und diese mich ganz unvoreingenommen einfach als Menschen betrachten. Besonders schön ist, wenn sich daraus eine Freundschaft ergibt. Mein schönstes Erlebnis war sicher die wundervolle Unterstützung meiner Familie nach meinem Outing. Dieser großartige Zuspruch gab mir die Kraft, mich als Frau völlig frei entfalten zu können. Schlimme Momente sind für mich, wenn ich Heuchlern begegne. Sie geben sich als Freund*innen aus und über „5 Ecken“ erfährt man dann, dass ich nur ein „Objekt des Spottes“ für sie war. In meiner Vergangenheit habe ich den Menschen zu schnell vertraut. Das wurde oft herzlos ausgenutzt und hat mich demoralisiert.“

Was macht Dir richtig Spaß in Deinem Leben, und bringst Du das mit Deiner Transidentität in Einklang?

„Nach all den Jahren endlich als Frau im Leben angekommen zu sein, bestätigt mich ungemein. Mit meiner Transidentität verbinde ich viele Dinge, die ich so als Mann wohl nie erlebt hätte. Als Frau kann ich andere Interessen entwickeln, die meinen Bedürfnissen viel näher sind. Auf meinem Weg habe ich neue Menschen getroffen, die zu Freunden wurden. Ich habe das Leben aus weiblicher Sicht kennengelernt und mein Körperbewusstsein wurde „auf links gedreht“. Denn ich habe jetzt ganz andere Empfindungen, Bedürfnisse und Einstellungen, die ich sehr genieße. Auch wenn daraus inzwischen viel Routine entstanden ist, so versuche ich mich dennoch als Person weiterzuentwickeln. Am schönsten sind für mich Augenblicke, wenn alles wie selbstverständlich ist und ich über meine Transidentität gar nicht mehr nachdenke.“

Die Kleidung des gefühlten Geschlechts ist für transidente Menschen wichtig. Es kommt aber auch auf das innere Empfinden an. Können transidente Menschen überhaupt nachvollziehen, was es bedeutet, dem Wunschgeschlecht anzugehören, was z.B. eine Frau, die schon als solche geboren wurde, empfindet, wo sie leidet, wo sie glücklich ist, wie sie sich verhält, wie sie reagiert? Orientieren wir uns vielleicht „nur“ an Klischees, Beobachtungen und Erfahrungen und werden nie selbst erfahren, was es wirklich heißt, eine Frau zu sein? Wie siehst Du diese These?

„In meiner Entwicklung habe ich einen deutlichen „Ruck“ hin zu weiblichem Empfinden gespürt. Ich habe versucht, maskulines Denken hinter mir zu lassen und die Dinge aus weiblicher Sicht zu betrachten. Auf der Basis meiner inneren Werte bringe ich meine eigene Weiblichkeit zum Ausdruck, sei es durch Empfindungen, Gefühle, Auffassungsgabe, Einfühlungsvermögen, Bedürfnisse Haltungen, Reaktionen, Sehnsüchte oder soziale Kompetenz. Apropos soziale Kompetenz: als Junge und Mann war ich sehr verschlossen, fast eigenbrötlerisch. Mein Selbstwertgefühl und der Mut, auf Menschen zuzugehen, kamen erst mit meiner weiblichen Entwicklung.

Tatsächlich jedoch sprechen Viele davon, dass dies alles nur eine Imitation sei und wir Transfrauen nie wirklich wie eine Frau fühlen und empfinden können, weil wir mit einem männlichen Körper geboren wurden. Das bestreite ich überhaupt nicht. Ich werde wohl nie erfahren, was es heißt „wirklich eine Frau zu sein“ Als transidente Person bediene ich mich durchaus bei Klischees und Vorstellungen, wie ich als Frau sein möchte. Ich werde aber nie wissen, was es bedeutet, einen Kinderwunsch zu haben oder sogar ein Kind in mir auszutragen. Wie fühlt sich die monatliche Menstruation an? Was erdulden Frauen während ihrer Menopause? Es gibt so viele offene Fragen. Ich denke, am Ende zählt, wie glücklich man in seiner Rolle ist und wie viel Wertschätzung man dem beimisst, was man als transidente Person selbst nicht durchleben kann.“

Warum hast Du bisher keine Hormontherapie oder Operationen gemacht? Ist das evtl. ein Thema für die Zukunft, oder eher nicht?

„Mit dem Thema Hormoneinnahme habe ich mich beschäftigt und stand diesem auch offen gegenüber. Ich habe dabei erfahren, welche Auswirkungen Hormonbehandlungen bei Transfrauen haben und was dabei mit dem Körper passiert. Leider überwiegen für mich die Nachteile. Deshalb habe ich von einer Hormontherapie abgesehen. Und ich muss meinen Körper nicht ändern, um das zu fühlen, was ich auch jetzt als transidente Person fühle.“

Wenn nicht-transidente Menschen mit Transidenten erstmals in Berührung kommen, wie wäre Dein Rat an sie?

„Habt keine Vorurteile und seht uns transidente Menschen nicht als „Sonderlinge“. Wir möchten nicht anders behandelt werden. Wir stehen einem offenen Umgang jederzeit aufgeschlossen gegenüber. Sollte es auf beiden Seiten „Berührungsängste“ geben, hilft der Dialog, um Missverständnisse und „Stereotype“ aus dem Weg zu räumen.“

Wenn Du anderen transidenten Menschen einen Rat für ein erfülltes, glückliches Leben geben müsstest, wie würde der lauten?

„Akzeptiert Euch selbst, habt Selbstvertrauen, und lasst Euch von niemanden unterdrücken. Nur Ihr bestimmt über Euer Leben! Mit einer gesunden Portion Selbstwertgefühl geht Vieles wie von selbst. Setzt auch Vertrauen in unsere Gesellschaft. Diese ist auf gutem Weg, toleranter zu werden und ein gutes Miteinander zu entwickeln. Lasst Euch von negativen Erlebnissen nicht runterziehen, sondern sammelt Kraft und wachst daran!“

 Jennifer, herzlichen Dank für Deine offenen Gedanken!

Der Austausch mit Jennifer war für mich eine neue und bereichernde Erfahrung. Wir werden bestimmt weiterhin in Kontakt bleiben und noch das eine oder andere auf die Beine stellen. Der Beitrag zeigt außerdem, dass es nicht immer Sinn macht, Transmenschen in irgendwelche Schubladen zu stecken. „Panta rhei“, sagt Heraklit. Alles fließt. Denn wir alle sind mit unserem eigenen Lebensentwurf unterwegs, der ständigen Veränderungen unterliegt. 

Herzliche Grüße

Eure Bianca 

Jennifer – Ein Interview

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